Chronic-Fatigue-Syndrom

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Chronic-Fatigue-Syndrom 2017-06-13T15:04:07+00:00

1988 wurde das Krankheitsbild „Chronic-Fatigue-Syndrom, CFS“ erstmals im Auftrag der dem US-amerikanischen Gesundheitsministerium zugehörigen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta/USA von einer Internationalen Autorengruppe definiert und in den Annals of Internal Medicine publiziert. Auf Deutschland übertragen entsprächen Publikationen der CDC in Seriosität und Relevanz den Mitteilungen des Robert Koch Instituts (RKI) oder des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).
1994 wurden die Definitionskriterien von der „International CFS Study Group“ auf erneute Initiative der CDC überarbeitet und in der heute aktuellen Form veröffentlicht. Im Jahr 2000 empfahl die Ärztekammer Nordrhein in einem Positionspapier, diese Kriterien nach Fukuda et al für die CFS-Diagnosestellung zu verwenden.
Im Januar 2002 wurde eine umfassende Gesamtdarstellung der Problematik unter Einbeziehung aller verfügbaren internationalen Quellen als Report einer CFS-Arbeitsgruppe an die Britische Regierung veröffentlicht.
Die in dieser Publikation enthaltene Schweregradeinteilung in die Gruppen „leicht“, „mittelschwer“, „schwer“ und „sehr schwer“ weist CFS als ein Krankheitsbild aus, das bereits in seiner milden Form gravierende Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen hat. Patienten aus der Gruppe „schwer“ sind in ihrer Mobilität und allen Tätigkeiten des täglichen Lebens substantiell eingeschränkt, leiden unter starken Schwankungen der Beschwerden sowie schwerwiegenden kognitiven Problemen, arbeiten nicht mehr, benötigen häufige Ruhepausen. Bereits geringfügige Belastungen führen zu massiven, länger als 24 Stunden anhaltenden Befindensverschlechterungen.

Die wissenschaftliche Ausgangssituation der CFS-Definition

Die wissenschaftliche Ausgangssituation ist heute wie auch zum Zeitpunkt der ersten CFS-Definition dadurch gekennzeichnet, dass die vorhandenen Erkenntnisse auf allen medizinischen Fachgebieten, einschließlich des psychiatrischen, keinen befriedigenden Zugang zu der seit Anfang der 80er Jahre gehäuft beobachteten Störung bieten. In der medizinischen Praxis sind die diagnostizierenden bzw. behandelnden Ärzte mit dem Problem konfrontiert, dass bei schwer erkrankten Patienten, die sich oft „wie AIDS-Patienten zwei Monate vor ihrem Tod fühlen“ (Zitat Prof. Mark O. Loveless vor US-amerikanischen Abgeordneten 1995) regelmäßig keine entsprechenden Befunde objektivierbar sind. Erkrankte kommen hierdurch in eine aussichtslose Rechtfertigungs- und Beweissituation, was zu den vielen letztlich frustranen Arztbesuchen führt, in dem verzweifelten Versuch, eine Erklärung für die Erschöpfungssymptomatik zu finden. Die Kosten dafür summieren sich.

Hierzu stellten die CDC 2006 fest:

„Zur Komplexität der CFS-Diagnostik kommen noch einige weitere Faktoren hinzu:

  1. Es gibt keinen diagnostischen Labortest oder Biomarker für CFS.
  2. Erschöpfung und andere CFS-Symptome treten bei vielen Krankheiten auf.
  3. Viele Menschen mit CFS sehen trotz ihrer tiefgreifenden Behinderung nicht krank aus.
  4. Art, Anzahl und Schwere der Symptome schwanken von Patient zu Patient.
  5. Die Symptome können sich bei einzelnen Patienten im Laufe der Zeit verändern.

Diese Faktoren haben zu einer besorgniserregend niedrigen Diagnoserate beigetragen.“

Die Diskrepanz zwischen Beobachtung und Laboruntersuchungen

Die Diskrepanz zwischen der Beobachtung schwerster Erschöpfungszustände mit einem breiten Spektrum an Begleitsymptomen und der Tatsache, dass ein pathognomonisch relevanter Nachweis des Geschehens bei CFS mit Labor- oder sonstigen Untersuchungen bisher nicht möglich war, spiegelt bis heute die Kernproblematik der Fachdiskussion wider. Es ist somit beim derzeitigen Stand des medizinischen Wissens keinesfalls eine Frage der Auswahl hochdifferenzierter Testverfahren, den Nachweis der Erkrankung und Hinweise auf die durch sie bedingten Behinderungen, insbesondere der beruflichen Leistungsfähigkeit bzw. Erwerbsfähigkeit zu erbringen. Wie in den CDC-Definitionskriterien für CFS nach Fukuda et al. 1994 nachzulesen ist, ist explizit kein objektivierbarer Befund als definitiver Nachweis des Krankheitsbildes gesichert. Dies entspricht auch den aktuellen Empfehlungen der DEGAM-Leitlinie „Müdigkeit.
Die für die „Old Age, Survivors, and Disability Insurance (OASDI)“ des staatlichen Rentenversicherungssystems der USA zuständige Behörde, die Social Security Administration (SSA) stellt in der Richtlinie SSR 99 -2P eindeutig fest, dass CFS eine Erwerbsunfähigkeit begründen kann. Im Rahmen der SSA-Hinweise zur Abklärung eines CFS wird allerdings darauf hingewiesen, dass die alleinige individuelle Angabe von Beschwerden nicht ausreicht, einen entsprechenden Leistungsanspruch zu begründen.
Um die Diagnose eines CFS, seine Schwere und die Dauer der daraus resultierenden Behinderung zu belegen, werden eine möglichst umfassende Dokumentation mit gründlicher Anamnese, detaillierte Erfassung aller Befunde incl. Labor und technischer Untersuchungen sowie Langzeitaufzeichnungen gefordert.
Es wird betont, dass CFS dann als eine medizinisch relevante Behinderung mit entsprechendem Leistungsanspruch anzusehen ist, wenn neben den Angaben des Patienten weitere medizinische Untersuchungsergebnisse und Laborbefunde vorliegen, die mit seiner Krankengeschichte übereinstimmen.

Verdachtsdiagnose Depression oder Somatisierungsstörung

In der Suche nach einer Erklärung werden CFS Patienten letztlich dann von den somatischen Fachkollegen an Psychiater verwiesen mit der Verdachtsdiagnose Depression oder Somatisierungsstörung.
Anteile davon lassen sich sicherlich oft identifizieren, aber eher im Sinne eines sekundären Geschehens als Reaktion auf die meist plötzlich eintretende massive Erschöpfbarkeit, die einen deutlichen Rückgang der Alltagsaktivitäten nach sich zieht. Es handelt sich also primär um eine somatische Erkrankung, d.h. Angst und Depression treten nicht als Ursache, sondern eher als Folge eines dramatischen körperlichen Kräfteverlustes auf, und werden durch mangelnde Anerkennung und Hilflosigkeit des medizinischen Systems in Deutschland oft noch weiter verstärkt. Meist resultiert daraus sogar eine völlige Berufsunfähigkeit.

Leider ist dieses Krankheitsbild in der BRD immer noch weitgehend unbekannt und von einem aus wissenschaftlicher Sicht unverständlichen Stigma unter den Ärzten belegt. Dies führt dann zu der immer wieder von den Patienten berichteten Frustration, nicht zu wissen, woran sie leiden. Die üblichen Ressourcen aktivierenden Therapieempfehlungen, die dann auf der Annahme, es handele sich um eine larvierte Depression, basieren, wie Aktivitätsaufbau, Sport und Belastungsgrenzen überwinden, sind aber für CFS Patienten in hohem Maße kontraproduktiv, verschärfen sogar das Krankheitsgeschehen. Im Gegensatz müssen CFS-Erkrankte sehr genau Grenzen der Belastbarkeit ausloten und respektieren lernen.

Diagnostisches Vorgehen

Eine chronische Erschöpfung, die durch Erholung nicht mehr abklingt begleitet mit weiteren somatischen fluktuierenden Beschwerden legt die Verdachtsdiagnose Chronisches Fatigue Syndrom nahe. Um diese Verdachtsdiagnose „chronisches Fatique-Syndrom“ (CFS) zu bestätigen, erfordert dies zunächst eine umfangreiche somatische Ausschlussdiagnostik von möglichen einzelnen somatischen Krankheitsursachen der beklagten Symptomatik wie z.B. Schilddrüsen-, Leber-, Stoffwechsel-, neurologischen und Hirnerkrankungen oder Zustand nach Tumorerkrankungen. Falls keine dieser Erkrankungen diagnostiziert werden konnten, wird der beklagte Symptomenkomplex mit einer komplexen Symptomliste erfasst. Dazu wurden verschiedene diagnostische Interviews entwickelt. Wir beziehen uns auf das Neueste, die kanadischen CFS-Kriterien. Als ursächlich für die CFS-Erkrankung wird derzeit als kleinster gemeinsamer Nenner der beforschten Hypothesen ein Zusammenbruch der Hypophysen-Nebennierenrinden-Stressachse gesehen mit daraus resultierenden vielfältigen Funktionsstörungen in den somatischen Funktionsbereichen.

Nach den derzeit gültigen internationalen wissenschaftlichen Leitlinien ist zur Diagnose das semistrukturierte diagnostische Interview für CFS, die „kanadischen Kriterien“ durchzuführen.

Das Problem derzeit ist, dass die gutachterlichen Untersuchung, auch die Überprüfungen durch den MDK oder Gutachter der Versicherungen, üblicherweise als reine Querschnittsuntersuchung oder nur durch Sichtung der Vorbefunde durchgeführt wird. Dadurch finden sich keine richtungsweisenden Befunde. Die neuropsychologischen Tests erbringen meist durchschnittliche bis leicht unterdurchschnittliche Bewertungen. Aus dieser Faktenlage wird dann rückgeschlossen, dass die Probanden eigentlich leistungsfähig sein müssen zu mindestens dann bis mehr als 3 Stunden täglich. Wenn überhaupt wird ihnen eine Beeinträchtigung aus psychischen Gründen zugestanden.

Bei diesen Begutachtungen ohne Vorkenntnis des Krankheitsbildes CFS/ME wird übersehen, dass die üblichen statischen Festlegungen der Belastbarkeit der Situation des Betroffenen nicht gerecht werden können. Entscheidende Bedeutung für eine angemessene Bewertung der Leistungsfähigkeit CFS-Kranker kommt der krankheitstypischen Gegebenheit zu, dass das individuelle Beschwerdebild oft innerhalb kürzester Zeit extremen Schwankungen unterliegt. Hier handelt es sich um Leistungsgrenzen, die zum einen nicht berücksichtigen, in welchem Umfeld die Person handelt und zum anderen ungeeignet sind, für kurzfristig, ohne erkennbare Ursache stark schwankende Symptomenkomplexe adäquate Limitierungen zu definieren.

Das grundsätzliche Dilemma bei der Erkrankung „Chronisches Fatigue Syndrom / Myelitische Enzephalomyelitits (CFS/ME) ist, dass die Probanden in kurzen Zeitabschnitten in der Lage sind, annähernd normale Leistungen abzurufen. Durch das Abrufen von Leistung, sowohl kognitiver als auch körperlicher/muskulärer Art werden die Systemressourcen so erschöpft, dass darauffolgend eine nachhaltige Phase der Erschöpfung von z.T. mehr als 24 Stunden, je nach Anstrengung auch mehrere Tage, eintritt, in der die vorherigen Leistungen nicht mehr abrufbar sind.

Diese Funktionsbeeinträchtigungen und Leistungseinbußen können in der üblichen Querschnittsbeurteilung bei CFS/ME Erkrankten systematisch nicht wahrgenommen bzw. erfasst werden. Gutachterliche Stellungnahme, die diesen Umstand nicht explizit berücksichtigen kommen daher zu systematisch fehlerhaften Ergebnissen.

Ursache dafür ist, dass die vielfältigen Beschwerden aus den Vorbefunden dahingehend fehlinterpretiert werden, dass die Symptomatik eher einer Somatisierungsstörung oder depressiven Erkrankung zugeordnet werden, die beide dieses Phänomen der nachhaltigen Erschöpfung nach Belastung und damit der fehlenden regelhaften Abrufbarkeit der Leistungen nicht aufweisen. Bei diesen beiden psychischen Differentialdiagnosen schließt ein Gutachter zu Recht von dem Eindruck in der Gutachtersituation auf eine Leistungsfähigkeit im Alltag. Bei CFS Erkrankten kann man aus der Querschnittsbeurteilung nicht auf die Alltagsleistungsfähigkeit rückschliessen. Wenn Gutachter nicht über das Krankheitsbild und dessen spezifischen Auffälligkeiten informiert sind, wird immer wieder vorgebracht, dass die Probanden entweder die Beschwerden aggravieren oder sich willentlich zu wenig in den Prüfungsaufgaben anstrengen. Die pauschalste Kritik ist dann die Behauptung, dass das Krankheitsbild CFS wissenschaftlich nicht bewiesen und eine Außenseitermeinung sei. Das spricht nur für Unkenntnis oder mangelnde Auseinandersetzung mit der überwiegend internationalen wissenschaftlichen Literatur.

 

Seit 1994 (Fukuda) werden Diagnoserichtlinien entwickelt und weiter der Entwicklung der Forschungserkenntnisse angepasst. Die Erkrankung wurde folgerichtig in die Internationale Klassifikation für Diagnosen (ICED 10) unter der Rubrik „Neurologische Erkrankungen“ G 93.3 aufgenommen.

Mittlerweile auch in Deutschland führt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin in Ihren aktuellen DEGAM-Leitlinien Nr.2 „Müdigkeit“ aus, dass das streng definierte Chronische Müdigkeitssyndrom (CFS) bzw. chronische Erschöpfungssyndrom zwar ein seltenes Beratungsergebnis sei, Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren lediglich dem Ausschluss anderer Erkrankungen dienten, da ein definitiver diagnostischer Test nicht existiere, so dass entsprechende Untersuchungen außer dem Nachweis von Komorbiditäten keine Hinweise zur Ursache oder Therapie des Krankheitsbildes CFS vermitteln könnten.

Die DEGAM-Leitlinien verweisen auf zwei Definitionen, die international für die klinische Versorgungspraxis von Bedeutung seien: Die Definition des britischen National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) sowie die Definition eines kanadischen Konsensus-Dokuments, das überwiegend von Klinikern formuliert und wesentlich enger gefasst sei als die NICE-Definition. In beiden Dokumenten werde CFS nicht nur als eine Restkategorie nach Ausschluss anderer Erkrankungen beschrieben, sondern als Störung, bei der zusätzlich mehrere Symptome aus mehreren Organsystemen vorliegen müssten.

Wie schon in den CDC-Definitionskriterien für CFS nach Fukuda et al. 1994 nachzulesen ist, ist explizit kein objektivierbarer Befund als definitiver Nachweis des Krankheitsbildes gesichert. Dies entspricht auch den aktuellen Empfehlungen der DEGAM-Leitlinie „Müdigkeit“. Es ist somit beim derzeitigen Stand des medizinischen Wissens keinesfalls eine Frage der Auswahl hochdifferenzierter Testverfahren, den Nachweis der Erkrankung und Hinweise auf die durch sie bedingten Behinderungen, insbesondere der beruflichen Leistungsfähigkeit bzw. Erwerbsfähigkeit zu erbringen, sondern die Diagnose stützt sich auf die wissenschaftlich ausgearbeiteten Interviews und der Plausibilitätsprüfung der Schilderungen des Krankheitsverlaufs.

Wenn der Verdacht auf eine CFS/ME Erkrankung besteht, muss dieses Phänomen der nachhaltigen Erschöpfung und fehlenden Abrufbarkeit und damit Planbarkeit der Leistungen, das Leitsymptom der Diagnostik ist, berücksichtigt werden.

Insofern bestimmt eine bestimmte Voreinstellung des Gutachters zur Existenz oder medizinischen Glaubwürdigkeit der CFS/ME Erkrankung sein Beurteilungsergebnis.

 

Eine von der obersten amerikanischen Gesundheitsbehörde (CDC Centers for Disease Control and Prevention) eingesetzte Kommission war beauftragt worden, die Diagnosestellung und die Spezifität der Erkankung in Abgrenzung zu psychischen und neurologischen Erkrankungen zu überprüfen. Diese Kommission kam zu dem Ergebnis, dass CFS keine originär psychische Störung ist, auch den Begriff Myalgic Encephalomyelitis findet sie missverständlich, da der Begriff Enzephalomyelitis eine Hirnhautentzündung, die aber mit den üblichen Methoden der CCT und MRT-Kopf nicht nachzuweisen sei, und der Begriff Myalgia (Muskelschmerzen) zwar vorhanden, aber nicht das Kernsymptom sei, nahelege. Vielmehr kommt das Gremium nach Sichtung sämtlicher Forschungsbefunde zu diesem Thema zu dem Schluss, dass die beklagte Kernsymptomatik auf ein Versagen der Signalübertragungsstrukturen, ob nerval, hormonell und immunologisch, hindeute. Nur so sei auch die massive Einschränkung in der Leistungsfähigkeit und besonders in der Wiederholbarkeit und dauerhaft abrufbarer Leistungsfähigkeit zu erklären. Diese Überlastung des körperlichen „Informationssystems“ physisch, kognitiv und emotional beeinträchtigt erkrankte Personen in allen Organsystemen (eine Grundlage der Diagnose) und in allen Aspekten ihres Lebens. Die Kommission schlägt daher eine neue den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen adäquatere Namensgebung vor: Systemische Belastungsintoleranzerkrankung (SEID Systemic exertion intolerance disease).

Überlegungen zur Ätiologie

Wie entsteht diese Belastungsintoleranz, die Dauerbelastung unseres Systems? Eine chronische Stimulation der Warnfunktion der Amygdala (Gefahrenwarnfühler) im Limbischen System (Gefühlsverarbeitungszentrum) führt zu einer chronische Bereitstellung von Stimulation des vegetativen Nervensystems über die Hypophysen-Nebennierenrinde-Stressachse. Die Folge ist ein chronisches Ungleichgewicht von Sympathikus und Parasympathikus zu Ungunsten der Erholungsfunktion über den Parasympathikus. Das führt zu Veränderung der chronobiologischen Strukturen. Normale Cortisolausschüttung verändert sich. Der Tagesrhythmus des Cortisolspiegels nivelliert sich auf hohem Niveau. Dies führt zum Fehlen der abendlichen Absenkung, die zur Erholung und REM Schlaf notwendig ist mit dem Effekt der schon bald wahrgenommenen Schlafstörungen. Zusätzlich führt der hohe Cortisolspiegel zu einer Beschleunigung des metabolischen Systems mit den Folgen der thermischen Überhitzung, die nachts drastischer wahrgenommen wird z.B. als unerklärliches Schwitzen. Die Folge ist eine erhöhte Dauerspannung des muskulären Systems. Bei weiter bestehender chronischer Überlastung verändert sich der chronobiologische Rhythmus, indem die Cortisolausschüttung tagsüber sich auf niedrigem Niveau, abends aber weiterhin auf höherem Niveau einpendelt.

Die fortschreitenden Prozesse im Sinne eines Teufelskreises führen neurobiologisch zu einer Abkapselung der Amygdala von den regulierenden Systemen – Hippocampus (Bewegung) und Frontalhirn (Vernunft) – im Sinne eines Rückzuges auf Flight or Fight Mechanismen.

Dadurch werden autonome Prozesse und Mechanismen in Gang gesetzt. Diese unterliegen nicht mehr der Steuerung des Frontalhirns. Psychologisch wird dieser Prozess wahrgenommen als diffuse Ängste und Lähmungsgefühle der intentionalen Leistungsbereitschaft, somatisch als Herzenge, Tonisierung des muskulären Systems mit den Folgen der Angespanntheit und diffusen Schmerzen. Weitere Folgen finden sich bei den respiratorischen Parametern, ein System, das auf vermeintliche gefährliche Situationen sich einstellen muss, wie die Amygdala vorgaukelt, braucht mehr Sauerstoff. Das führt zu einem erhöhten VO2 Max Bedarf, das Atemvolumen nimmt zu über erhöhte Atemfrequenz.  Es entsteht Kurzatmigkeit, der Puls erhöht sich.

Ein Hinweis auf eine systemisch gestörte Sauerstoffverarbeitung zeigt sich in der Spiroergometrieuntersuchung. Wenn diese Untersuchungen in einem 24 stündigen Abstand widerholt werden, findet sich bei CFS Patienten eine Leistungsminderung von 15% im Gegensatz zu gesunden Personen.

Die Balancestörung des autonomen Nervensystems ist messbar. Wir wenden dazu die Messung der Körpergrundspannung mit dem SAM Gerät (entwickelt und beforscht an Hochleistungssportlern an der Sporthochschule und dem Olympiazentrum Hamburg von Dr. C. Ziaja) und der Herzratenvariabilitätsmessung (HRV) mit Positionsveränderung und Langzeitmessung in der Entspannungsphase an. Eine chronifizierte Regulationsstörung zeigt sich in dem Missverhältnis der Frequenzen des Sympathikustonus im Vergleich mit dem Parasympathikus. Erste Publikationen dazu sind in Vorbereitung.

Die Abkapselung der Amygdala lässt sich nach neuestens Forschungsergebnissen der Standford University finden.

Funktionale MRT Scans bei CFS Patienten fanden Störungen in den Leitungsbahnen zwischen Limbischem System und Großhirnrinde (Zeineh et al. 2015). Dies würde zu den fluktuierenden kognitiven Störungen in der Informationsverarbeitung passen, die CFS Patienten auch als Brain Fog bezeichnen. Die Autoren vermuten sogar, dass diese Befunde in Zukunft als Biomarker für CFS dienen könnten.

Zeineh MM, Kang J, Atlas SC, Raman, MM, Reiss AL, Norris JL, Valencia I, Montoya JG: Right Arcuate Fasciculus Abnormality in Chronic Fatigue syndrom. Radiology: Volume 274: No 2, 2015

Therapeutische Ansätze

Mittlerweile gibt es auf Forschungsebene erste Hinweise auf wirksame  Behandlungsmethoden für die Erkrankung CFS.

Die andauernden Schmerzen, die auch teilweise resistent gegenüber Analgetika sind, und die massive Erschöpfung führen zu einer Defizitstruktur und Reduktion des alltäglichen Bewegungs- und Trainingsumfangs sowie eine weitgehende Vermeidung schneller Bewegungsabläufe mit den Folgen, dass die natürliche Regulationsfähigkeit des autonomen Nervensystems zu Ungunsten des parasympathischen Systems abnimmt. Die sympathische Innervierung nimmt zu, auch durch den psychologischen Effekt der Negativbewertung der durch den Patienten wahrgenommenen Lebenssituation und den Symptomen, die nach der Literatur als existentielle körperliche Bedrohung interpretiert werden müssen. Die Patienten sind unfähig, ihre gewohnten Leistungen abzurufen, sehen sich konfrontiert mit einer Vielzahl von somatischen Beschwerden für die die konsultierten Ärzte keine fundierte Erklärung und auch keinen Therapieansatz haben. Die dann üblicherweise Abschiebung in die Psycho-Schublade ist eine weiterreichende Stigmatisierung. Das macht Angst.

Hier muss dann die erste Säule der Therapie ansetzen, eine auf das Krankheitsbild abgestufte Psychotherapie mit dem Ziel, dem Patienten durch Vermittlung eines schlüssigen Erklärungsmodells (Psychoedukation) wieder Zuversicht und Handlungsfähigkeit zurück finden zu lassen. Eine längerfristige Begleitung dieses Prozesses in einer Größenordnung von ca. 50 Stunden einer kognitiven Verhaltenstherapie wäre erforderlich. Dies deckt sich auch mit den Empfehlungen der internationalen Therapieleitlinien.

Die zweite Säule zielt auf die Wiedergewinnung der Regulationsfähigkeit des autonomen Nervensystems.

Die Regulationsstörung zeigt in der Messung der Herzratenvariabilität (HRV) – in den USA Goldstandard der Stressmessung –in der posturalen Messung mit Lageveränderung vom Liegen ins Sitzen einen gleichbleibenden hohen Frequenzanteil des Sympathikustonus und eine Abwesenheit von parasympathischen Frequenzen. Dies spricht für ein „eingefrorenes“ System, das noch nicht einmal auf Lageveränderung oder auch in der Langzeitmessung im Liegen auf einen eigentlich entspannenden Zustand reagiert.

Hier zeigen sich durch auf sportwissenschaftlicher Basis entwickelte körpertherapeutische Übungen deutliche Erfolge, die sich auch in den Messergebnissen niederschlagen. Somit wird der Therapiefortschritt überprüfbar.

 

Weitere Information zum Chronic-Fatigue-Syndrom erhalten Sie auf den Seiten des CFS Portals von Hans-Michael Sobetzko, Umwelt-, Betriebs-, und Sportmediziner, das als deutsche Initiative zur wissenschaftlichen Information über Forschung und Therapieansätze zum CFS gegründet wurde.